Süsses oder Saures? Sechs schaurige Übersetzungsgeschichten

Christine Eulriet • 30. Oktober 2026

Wenn Halloween das ganze Jahr dauert

Für echten Horror braucht es weder Geister noch dunkle Keller. Übersetzer:innen bekommen schon bei einer Excel-Tabelle voller KI-generierter Sprachvarianten, oder einer Übersetzung, die niemand kontrolliert hat, Gänsehaut. Hier präsentiere ich sechs wahre Geschichten, wie sie nur der Übersetzungsalltag schreiben kann – und die für Unternehmen teilweise unangenehme Folgen haben. Natürlich verrate ich auch, wie sich der Spuk beenden lässt.


Die Tabelle mit den tausend Gesichtern

Ein riesiges Google-Sheet, ein Arbeitsblatt pro Sprachvariante, in jeder Zelle die Formel =GOOGLETRANSLATE(Text; [Ausgangssprache]; [Zielsprache]): So lässt sich schnell viel Text übersetzen. Doch die generative KI hat einen Hang zur Kreativität – und genau das wird bei der Konsistenz zum Problem. Funktionen, Produktnamen oder Slogans werden plötzlich unterschiedlich benannt. Was einzeln noch sinnvoll klingt, stiftet im Gesamtauftritt Verwirrung. Und die Leserschaft fragt sich: Ist das noch dasselbe Angebot oder schon ein anderes?


Der Spuk beginnt, wenn mit dem Tempo die Durchgängigkeit vorausgesetzt wird. Maschinelle Übersetzung garantiert keine einheitliche Terminologie; generative KI tut ihr Übriges. Ein verbindliches Glossar und eine solide Qualitätsprüfung helfen, Produktnamen, Begriffe und weitere «Kleinigkeiten» auf Kurs zu halten.



Der Fehler, der nicht verschwinden durfte

Ein Unternehmen wird auf einen gravierenden Übersetzungsfehler hingewiesen. Doch statt den Hinweis zu prüfen, vermutet es dahinter einen plumpen Verkaufsversuch. Nicht einmal der Funnel-Titel des Haupt­produkts wird korrekt buchstabiert. Der Fehler bleibt stehen. Das eigentlich Schaurige: Die Kommunikation geht weiterhin an der lokalen Kundschaft vorbei – während der Wettbewerb vor Ort die verständlicheren Worte findet.


Wer einen Hinweis erhält, muss deshalb noch keinen Auftrag vergeben. Aber die betreffende Stelle unabhängig prüfen zu lassen, lohnt sich. Nicht jeder Warnruf zur Übersetzungsqualität ist ein Verkaufsgespräch. Manchmal steht tatsächlich ein echtes Gespenst im Schaufenster.


Die Notrettung kurz vor knapp

Ein anspruchsvolles kulturelles Vorhaben mit hohem aber knappem Budget. Was lässt sich optimieren? Die Übersetzung, schliesslich folgt noch ein wissenschaftliches Lektorat. Dann stellt die namhafte Institution fest, dass die mit KI erstellten französischen Texte den Anforderungen nicht genügen – quel dommage. Professionelle Übersetzungen müssen in aller Eile her. Aus der Sparidee ist das Budgetproblem nicht besser geworden, aber ein Zeitproblem kam zusätzlich hinzu.


Ein fachliches Lektorat ist kein Ersatz für eine verlässliche Übersetzung. Gerade bei Texten, bei denen viel auf dem Spiel steht, gehören sprachliche Verantwortung und Qualitätskontrolle von Anfang an in die Planung. Sonst wird aus der vermeintlichen Abkürzung eine Rettungsaktion unter Zeitdruck. Manchmal geht auch das nicht mehr.

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Die Kampagne und das Vier-Tage-Monster

Monatelang wird an einer Werbekampagne gefeilt: Marketing und externe Agenturen arbeiten eng zusammen, absolvieren Meetings ohne Ende, diskutieren Vorschläge und Überarbeitungen, drehen unzählige Abstimmungsschleifen bis jede Formulierung endlich sitzt. Für die Übersetzung bleiben gerade einmal die letzten vier Tage vor Lancierung – natürlich ohne Briefing. Ach, …und aus Zeitgründen wird in den Sprachen auf die letzte Korrekturrunde verzichtet. Kommt Ihnen dieser Endspurt bekannt vor?


Ausgerechnet beim Schritt in die breite Öffentlichkeit wird die sorgfältig erarbeitete Wirkung einer Kampagne aufs Spiel gesetzt. Planen Sie also die Übersetzung als Teil der Kampagne, nicht als letzten Handgriff. Übersetzer:innen müssen über Zielgruppe, Tonalität, Kernbotschaft und Gestaltung Bescheid wissen. Wer eine Kampagne mit so viel Sorgfalt entwickelt, sollte ihrer Wirkung in anderen Sprachen dieselbe Aufmerksamkeit schenken. Zumal die professionelle Übersetzung nur einen Bruchteil der Gesamtkosten ausmacht.



Die verfluchten Platzhalter

Die Übersetzung der App-Texte ist geliefert, die Bitte um ein finales Review im Layout ebenfalls ausgesprochen. Danach: Stille. Erst nach der Veröffentlichung zeigt sich, dass die Platzhalter die Eigenheiten der Zielsprache nicht berücksichtigen. Einzeln korrekte Textbausteine fügen sich zu Sätzen zusammen, die grammatisch nicht funktionieren. Der Fehler spukt nicht in der Übersetzung, sondern in ihrem Zusammenspiel mit dem System. Und im fehlerhaften Prozess, der diesen Schritt auslässt.


Gerade dynamische Inhalte brauchen eine Prüfung in ihrer tatsächlichen Umgebung: Welche Werte werden eingesetzt? Passen Wortstellung, Artikel und Endungen in allen vorgesehenen Varianten? Ein sogenannter In-Context-Review ist kein dekorativer Extraschritt. Er prüft, ob Längen stimmen, ob aus richtigen Bausteinen auch verständliche Inhalte werden, ob alles an der richtigen Stelle sitzt und – last but not least – ob alle Keys tatsächlich in die Übersetzung geschickt wurden.


Der Ausgangstext, der heimlich weiterlebte

Die Texte gehen zur Übersetzung. Während daran gearbeitet wird, entwickelt der Kunde den Ausgangstext weiter – ohne die Beteiligten in der Prozesskette abwärts zu informieren. Als die Französisch-Texte ins Zielsystem eingepflegt werden fällt auf: Die Übersetzung beruht auf einem Stand, der längst überholt ist. Plötzlich erhalten Kunden je nach Markt unterschiedliche Informationen. Mit jeder zusätzlichen Zielsprache wächst der nachträgliche Abstimmungs- und Korrekturaufwand.


Dagegen hilft ein klar vereinbarter Textstand. Änderungen bleiben möglich, müssen aber kenntlich gemacht und an alle Beteiligten weitergegeben werden. Eine gemeinsame Versionsführung und ein geregelter Änderungsprozess verhindern, dass alte Inhalte als Untote durch die Sprachversionen wandern.



Grusel zu Halloween, nicht bei der Übersetzung

Diese Geschichten haben einen gemeinsamen Kern: Übersetzung wird dann riskant, wenn die Prozesse «drum herum» nicht beherrscht oder vernachlässigt werden. Ein gutes Briefing, klare Zuständigkeiten und ein realistischer Zeitplan sind weniger spektakulär als eine Rettung in letzter Minute – aber deutlich beruhigender.


Erkennen Sie Ihr nächstes Projekt in einer dieser Geschichten wieder? Dann lohnt sich ein Gespräch, bevor der Spuk beginnt. Gemeinsam lässt sich klären, was Ihre Texte brauchen, damit sie auch im Zielmarkt die gewünschte Wirkung entfalten.




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Über die Autorin

Bonjour! Ich bin’s, Christine Eulriet, begeisterte Französischübersetzerin. Mein Blog ist das Ticket für hinter die Kulissen meines Berufs: Wir schauen zusammen, worauf es ankommt, wenn Übersetzungen von mittelmässig zu wow werden sollen. Schlechte Übersetzungen? Nichts womit man leben muss: Hier erfahren Sie, wie Sie Ihren mehrsprachigen Auftritt beherrschen.


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