Vasistas: Das kleine Fenster hinter meinen Firmennamen

Christine Eulriet • 15. Februar 2026

Wenn es eine Perspektivenfrage ist


Auf mein «Wassistass […] Minus […] Konzept, englische Schreibweise» folgt in der Regel ein leicht verzweifeltes «Können Sie das bitte buchstabieren?». Ich hätte einen einfacheren Firmennamen wählen können – er wäre allerdings lange nicht so schön gewesen. Vasistas: Was verbirgt sich nun hinter dem ungewöhnlichen Wort?


Das eigene Unternehmen zu gründen ist eine spannende Zeit. Nicht zuletzt deshalb, weil man sich Gedanken darüber macht, wer man sein möchte, was man verkörpern und vermitteln will. Kurz: Die Identität des Unternehmens wird mit der Namensgebung ein Stück greifbarer.


Neben dem administrativen Kram war diese Zeit von intensivem Zettelkritzeln geprägt: Lauter Mindmaps und Begriffsspalten, ergänzt, überschrieben, durchgestrichen und vor allem unübersichtlich. Bis sich ein Kandidat langsam aber sicher herauskristallisierte.


Vasistas – Ein Fenster oder Aussicht mit Durchblick

Was heisst also Vasistas?


Vasistas bezeichnet auf Französisch ein kleines verglastes Flügelfenster, das in ein Fenster oder eine Tür eingelassen ist und sich unabhängig davon öffnen oder kippen lässt. Heute wird der Begriff häufig für Dachfenster verwendet.


Die Herkunft des Wortes lässt sich nicht zweifelsfrei belegen. Einiges gilt jedoch als gesichert:


  • Vasistas ist ein Germanismus und geht auf die Frage «Was ist das?» zurück. Im Französischen reiht es sich ein in jene Wörter, die aus dem Deutschen stammen – so wie im Deutschen umgekehrt Gallizismen wie Malheur, Parfüm oder Velo ihren festen Platz haben.


  • Das älteste bekannte Zeugnis findet sich 1760 im Ausgabenverzeichnis der Duchesse de Mazarin. Dort heisst es:
«Plus pour deux vasistas, l’une pour ma chambre, l’autre pour M. de Laporte*.»
Zwei kleine Fenster – eines für ihr Zimmer, eines für Herrn de La Porte.
Vasistas war damals ein weibliches Substantiv, heute ist es männlich. Und dass ausgerechnet ein Vertreter des Adelsgeschlechts La Porte (soviel wie «von der Tür») ein solches Fenster erhielt, verleiht der Notiz eine gewisse unfreiwillige Komik. Etats aus dem 18. Jahrhundert zu durchzukämmen, ist unterhaltsamer als man vermuten würde.
  • 1798 fand das Wort Eingang in die 5. Ausgabe des Wörterbuchs der Académie française; die aktuelle 9. Ausgabe wurde erst 2024 abgeschlossen.


Und dann gibt es die Erklärungsversuche:


  • Deutsche Reisende oder Soldaten, die in Frankreich staunend auf kleine Oberlichter blicken und fragen: «Was ist das?»


  • Französische Soldaten, die im Zuge der napoleonischen Kriege in deutschen Städten dieselbe Frage hören, wenn neugierige Bürger durch schmale Luken spähen.


Wie sich das Wort seinen Weg tatsächlich gebahnt hat, wird nie eindeutig feststellbar sein.


Sicher ist nur: Sprache reist – manchmal absichtlich, manchmal beiläufig, mit dem Handel, den Wirren der Geschichte oder dank Kunst und Literatur. Und wer aufmerksam hinschaut, kann die Spuren dieser Wanderungen erahnen, manchmal sogar ausmachen.


Was ist das? – eine Frage, die sich erübrigt

Als ich über meinen Firmennamen nachdachte, wurde mir klar, dass Übersetzungen genau das leisten, was ein Vasistas tut: Sie öffnen den Blick in ein anderes Umfeld. Sie geben Klarheit, schaffen Perspektiven und Möglichkeiten.


Der kanadische Dramatiker Tomson Highway formulierte es so:

«Nur eine Sprache zu sprechen, ist wie in einem Haus mit einem einzigen Fenster zu leben: Man sieht nur diese eine Perspektive, obwohl es in Wahrheit Dutzende, Hunderte anderer gibt – und man sollte sie wenigstens wahrnehmen.»


Übersetzung macht zusätzliche Fenster auf. Sie macht sichtbar, was sonst verborgen bliebe, und klärt, was unverständlich erscheint.


Oder anders gesagt: Dank der Übersetzung erübrigt sich irgendwann die Frage «Was ist das?»



Das (Durch)Lüften des Geheimnisses

Wenn Menschen erfahren, was sich hinter dem Namen verbirgt, reagieren sie oft amüsiert und ein wenig verblüfft. Dass eine deutsche Frage ins Französische ausgewandert ist. Und dass mein Firmenname sprachlich etwas zu erzählen hat.


Eine Geschichte, bei der der Geist sofort anfängt mitzureisen und zu rätseln, wie die Frage und das Fenster sich gefunden haben.


Wir werden es wohl nie mit letzter Sicherheit wissen, aber spannend ist es allemal. Genauso wie die Übersetzung selbst, und alles, was sie uns eröffnet.



Im Bann des Wortes

Nicht nur bei mir hat das lustige** Wort Vasistas seine Faszination ausgeübt. Für weitere Einblicke und Perspektiven kann ich folgende Aussichten wärmstens empfehlen:






* Beim Namen «de Laporte» habe ich im Zitat die Schreibweise aus der Revue rétrospective: recueil de pièces intéressantes, Dir. Paul Cottin, 1892 übernommen. Im Lauftext hingegen verwende ich den Namen entsprechend der allgemein verfügbaren Quellen zum Adelsgeschlecht La Porte de La Meilleraye.


** Auch dieses Wort ist auf Wanderschaft gegangen und hat sich im Französischen als Germanismus niedergelassen – frz. loustic: Witzbold, Scherzkeks, komischer Typ.


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Über die Autorin

Bonjour! Ich bin’s, Christine Eulriet, begeisterte Französischübersetzerin. Mein Blog ist das Ticket für hinter die Kulissen meines Berufs: Wir schauen zusammen, worauf es ankommt, wenn Übersetzungen von mittelmässig zu wow werden sollen. Schlechte Übersetzungen? Nichts womit man leben muss: Hier erfahren Sie, wie Sie Ihren mehrsprachigen Auftritt beherrschen.


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